Warum die Pfalz
einmal bayerisch war
Von 1816 bis 1945 gehörte diese Gegend zu Bayern — und davor zu einem halben Dutzend Herrschaften gleichzeitig. Wer die Südwestpfalz verstehen will, muss diese 130 Jahre kennen. Und den Grenzstein von Petersberg.
Ein Flickenteppich, kein Land
Vor 1789 gab es die Südwestpfalz als Einheit nicht. Es gab Dörfer, und jedes gehörte jemand anderem. Nünschweiler, Winterbach, Maßweiler und Schmitshausen standen unter Pfalz-Zweibrücken. Herschberg, Hettenhausen und Saalstadt gehörten zu Leiningen-Dagsburg. Schauerberg und Knopp-Labach lagen in der Herrschaft Landstuhl der Herren von Sickingen. Höhfröschen und Thaleischweiler standen im Einflussbereich der Grafen von Hanau-Lichtenberg. Obernheim-Kirchenarnbach war zwischen Leiningen und Sickingen aufgeteilt — ein Dorf, zwei Herren.
Man muss das nicht glauben, man kann es ansehen. In Petersberg steht der Dreiherrenstein von 1759. Er trägt die Wappen von Baden, Hanau-Lichtenberg und Pfalz-Zweibrücken, weil genau dort drei Territorien aufeinandertrafen. Ein einziger Stein, drei Staaten.
Der Ritter, nach dem die Hochfläche heißt
Die Sickinger Höhe heißt nicht nach einem Berg, sondern nach einer Familie. Die Herren von Sickingen saßen auf Burg Nanstein bei Landstuhl und beherrschten den nördlichen Teil der Westricher Hochfläche zwischen Landstuhl und dem Schwarzbachtal.
Der bekannteste von ihnen ist Franz von Sickingen, geboren 1481. Er führte zusammen mit Ulrich von Hutten die Ritter in den Aufstand gegen die Fürsten, die sogenannte Ritterfehde. Der Aufstand scheiterte. Am 7. Mai 1523 starb Franz von Sickingen auf Burg Nanstein, nachdem die Burg beschossen worden war.
Der Name blieb. Wer heute auf der Sickinger Höhe wohnt — in Saalstadt, Krähenberg, Biedershausen, Höheinöd oder einem Dutzend anderer Dörfer — wohnt auf dem Land eines Reichsritters, der vor einem halben Jahrtausend verlor.
Zwanzig Jahre Frankreich
1798 war der Flickenteppich vorbei. Die Franzosen ordneten das linksrheinische Gebiet neu, schafften die alten Herrschaften ab und teilten alles in Départements, Kantone und Mairien ein. Fast jedes Dorf dieser Gegend hat in seiner Chronik den Satz stehen, dass es von 1798 bis 1814 französisch war — Knopp-Labach lag im Kanton Zweibrücken, Schauerberg wurde in die französische Verwaltung eingegliedert, und so weiter.
Diese zwanzig Jahre haben mehr verändert als die zweihundert davor. Die alten Grenzsteine wurden bedeutungslos, und die Verwaltungsstruktur, die dabei entstand, wirkt bis heute nach.
1816: „auf ewige Zeiten“ zu Bayern
Nach Napoleons Niederlage musste das Gebiet neu verteilt werden. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das linksrheinische Land zunächst Österreich zugesprochen und von dort an Bayern weitergereicht. Am 1. Mai 1816 nahm König Maximilian I. Joseph das Gebiet in Besitz.
Nach der bayerischen Verwaltungsgliederung hieß es zunächst nicht Pfalz, sondern Rheinkreis, mit Speyer als Hauptstadt. Erst zum 1. Januar 1838 bekam der Kreis den Namen Pfalz. Das ist der Grund, warum die Gegend heute so heißt, und der Grund, warum sich Pfälzer und Bayern bis heute merkwürdig nahe und merkwürdig fremd zugleich sind.
Für die Dörfer hier hieß das konkret: 1818 kam Herschberg zum bayerischen Landkommissariat Pirmasens. Biedershausen, Maßweiler, Weselberg, Saalstadt — sie alle wurden bayerisch, ohne dass ein Einwohner je in Bayern gewesen wäre.
Wie es endete
Die bayerische Pfalz hielt 130 Jahre, aber nicht ungestört. Von 1918 bis 1930 war das Gebiet französisch besetzt. Nach dem Versailler Vertrag kam die sogenannte Saarpfalz zum Saargebiet. 1945 fiel die Region in die französische Besatzungszone, und deren Militärregierung schuf im August 1946 das Land Rheinland-Pfalz.
Damit war die Pfalz zum ersten Mal seit 1816 nicht mehr bayerisch — und zum ersten Mal überhaupt Teil eines Landes, das nach ihr mitbenannt ist.
Was davon übrig ist
Mehr, als man denkt. Der Name der Region kommt aus der bayerischen Zeit. Die Wappen der Dörfer zeigen die alten Herrschaften: Biedershausen führt den goldenen Löwen von Pfalz-Zweibrücken, Höhfröschen die drei roten Sparren der Hanau-Lichtenberger. Die Sickinger Höhe trägt den Namen eines Ritters aus dem 16. Jahrhundert. Und in Petersberg steht der Stein mit den drei Wappen.
Auch die Sprache hat es behalten. Die Kartoffel heißt hier Grumbeere, und die Sickinger Höhe ist Kartoffelland — in Wallhalben gibt es dafür einen eigenen Markt. In Herschberg wird alle zwei Jahre der Sickinger Mundartwettstreit ausgetragen, ein Wettbewerb in pfälzischer Mundart. Wer wissen will, wie 130 Jahre Bayern und zwanzig Jahre Frankreich klingen, wenn man sie in einem Dialekt aufhebt, fährt am besten dorthin.
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